Eileithyia

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In der Höhle

Eine kleine Notiz in einem Kreta-Reiseführer erwähnte die für Besucher nicht zugängliche Höhle der Eileithyia (Illythia) bei Amnissos. Mit Feen(?)-Zungen ließ sich mein lieber Ehemann überreden, unsere Fahrt nach Heraklion kurz (wie ich meinte) zu unterbrechen. Wenn schon nicht zugänglich, wollte ich wenigstens die Lage der Höhle genießen. Mit festem Schuhwerk an den Füßen machten wir uns beflügelt von der Frühlingssonne auf die Suche. Wo ist sie nur? Sie war im Gelände nicht auszumachen. Als ich schon aufgeben wollte, weckte Elmars sonorer Ruf „Hier dürfte sie sein!“ meine Lebensgeister: Und wirklich, so schön wie erhofft, liegt sie vor mir:

Ein Feigenbaum mit unwahrscheinlich vielen Früchten zeigt den Eingang an.

Rund um ihn gedeihen neben Feigen die fruchtbarkeitsfördernden Heilkräuter Oregano und Pillen-Brennnessel.
Die Schale des Schalensteines ist mit Wasser gefüllt …

Der Eingang wird durch ein starkes Gittertor gesichert.
Obwohl seit 30 Jahren gesperrt, steht es offen!
Ich fühle keine Angst
und betrete
mit ruhig pochendem Herzen den Raum.

Hinter dem Gitter stoße ich auf einen Stalagmiten,
der wie der Bauch einer schwangeren Frau aussieht.
Ein Nabelstein.
Ergriffen merke ich, ein orange farbiges Armband liegt darauf!


Daneben Rauchspuren an der Felswand.

In der totalen Finsternis geht es abwärts, ich höre Wassergeräusche, bleibe stehen und blitze ins Unbekannte. - Das entstandene Foto zeigt … den ummauerten Kultplatz mit Stalagmiten!

Kultplatz
Kultplatz


Ich gehe wieder zurück, lehne das Eisentor an, genieße das Licht, die Wärme, die unwahrscheinlich starke positive Strahlung von Erde und Meer . . . Mysterium des Lebens.


In meiner österreichischen Heimat angekommen begleitete mich dieses Höhlen-Er-leb-nis und drängte, genauer formuliert zu werden. Das Resultat haben Sie mit dieser Seite vor Augen!


Hier noch einige zusätzliche Höhlendaten:

  • Sie ist nach Elefthéris Platákis, der sie 1964 naturwissenschaftlich untersuchte, 64m lang, bis zu 12m breit und bis zu 4m hoch.
  • Auch im rückwärtigen Höhlenteil stehen Stalagmiten und Wasser, das die Wände entlang rinnt, hat in Wandnischen geheimnisvolle Sinterbecken gebildet.
  • Zwischen zwei Stalagmiten konnte frau um für eine gute Geburt vorzusorgen -wie das Baby bei der Geburt - durch ein Loch im steinernen Boden in tiefer gelegene Kammern schlüpfen, die, wie die Funde bestätigen, als Kulträume genutzt wurden. Diese psychologisch-metaphysische Tradition wurde und wird auch in Mitteleuropa ausgeübt. Eine ausführliche Seite dazu: http://www.kraftort.org/Heilige_Steine/Durchkriechstein/durchkriechstein.html


Lage der Kult-Höhle

„Und er (Odysseus) legte bei Amnissos an, wo eine Höhle der Eileithyia ist…“ (Homer Od. 19,187)


Ja, die älteste Kultgrotte des Mittelmeerraumes, die bedeutendste Höhle der Fruchtbarkeits- und Geburtsgöttin „Eileithyia“, von den Einheimischen heutzutage "Höhle der Nereiden" („Neraidospilios“) genannt, befindet sich auf der griechischen Insel Kreta, 8 km östlich der Hauptstadt „Heraklion“ („Heraklesstadt“): am Flughafen vorbei -> Amnissos.
Die alt-griechischen Geschichtsschreiber Strabon und Pausanias nannten Amnissos „den von König Minos erbauten Hafen von Knossos“.


Durch ihre Nähe zu diesem wichtigen minoischen Hafen wurde diese besondere Höhle weit über Kreta hinaus berühmt.

Sie liegt für den /die SucherIn unauffällig, aber leicht zugänglich von Amnissos kommend, in Karteros die Abzweigung nach Elia nehmend, etwas unterhalb der ersten deutlichen Straßenkurve direkt bei einem in der Landschaft einzeln stehenden Feigenbaum, der auf dem Foto zufällig von einer Aureole gekennzeichnet ist.

Diese Aufnahme zeigt den Blick von dem genannten Feigenbaum zurück zum minoischen Hafen Amnissos, den Homer nicht nur in seiner Odyssee, sondern auch in seinem Ílias erwähnt, und zwar startete hier der kretische König Idomeneus mit 80 Schiffen in den Krieg gegen Troja (er gehörte zu jenen, die sich dann im hölzernen Pferd verbargen).
Heute besitzt Amnissos einen wunderbar feinsandigen, flach abfallenden Strand, der auch von den Einheimischen gerne besucht wird.

Hier erkennt man hinter dem Feigenbaum den Eingang zur Höhle. Weiters zeigt das Foto den Ort Karteros und die dem Strand bei Amnissos gegenüber liegende nur von kretischen Wildziegen bewohnte Insel Dia.

Blick vom Gebiet der Eileithyia-Höhle aus in den Süden zur Landseite Richtung des Dorfes Elia.


Wer war / ist nun diese Eileithyia eigentlich?

Um 700 v. Ch. bezeichnet Hesiod in seiner Theogonie, Vers 922, Eileithyia als Tochter von Zeus und dessen Gattin Hera, Homer erwähnt sie in seiner Erzählung über die Geburt des mythologischen Helden Herakles (Ilias 19,91-136) zusätzlich als Geburtsgöttin in einer wichtigen, allerdings ihrem sonst verehrungswürdigen Wesen konträren Rolle:
Ihr Vater Zeus bereitete ihrer Mutter Hera immer wieder durch seine trickreichen Seitensprünge großen Ärger, den diese dann an den meist zwangsbeglückten Frauen und deren Nachkommen auslässt. So war es auch diesmal:

Nicht genug, dass Vater Zeus einst u.a. mit Danae, der Tochter des Königs von Argos, einen Sohn gezeugt hatte, nämlich Perseus, war jetzt auch dessen Enkelin Alkmene von ihm schwanger und kurz vor der Entbindung. Noch dazu war Alkmene glücklich verheiratet, doch nicht mit Zeus, sondern mit ihrem Cousin Amphytrion, dem rechtmäßigen, aber von seinem und Alkmenens Onkel Sthenelos vertriebenen König von Mykene und Tyrins.
Zeus nahm einfach die Gestalt des Amphytrion an – und schon war es passiert! - Stolz verkündet er nun im Götterhimmel: Ja, so wahr er Zeus ist, so wahr wird heute von Alkmene der zukünfige Herrscher von Argolis mit den Städten Mykene, Tyrins und Argos und somit mächtigster Mann der Welt geboren, nämlich der ihm und Perseus blutsverwandte Knabe Herakles! - Erfüllt von rachsüchtigem Zorn griff seine Gattin Hera, selbst u. a. auch Geburtsgöttin, zu einer List, denn die Argolis war mit ihrem Heraion neben Olympia Zentrum des Hera-Kults, hier wurde sie jährlich als Schutzherrin der Frauen und Bewahrerin der Ehe mit einem großen Fest, den Heraen, gefeiert – und dieser ihr Ort sollte nicht von einem Sohn ihrer Nebenbuhlerin regiert werden!
Sie wusste, dass es noch eine andere dem Zeus und Perseus verwandte aktuell Schwangere, allerdings erst im 7. Monat, gab: Nikippe, die Gemahlin des Sthenelos, ebenso wie die Väter von Alkmene und Amphytrion ein Sohn des Perseus und zur Zeit selbsternannter König der argolischen Städte Mykene und Tyrins. Das war die Chance, Zeus eines auszuwischen! -
Auf Heras Geheiß hin musste nun ihre Tochter, die Geburtsgöttin Eileithyia, in das böotische Theben, wohin das Ehepaar geflüchtet und Alkmene dabei war, ihre Zwillinge zu entbinden (Amphitrion war in der Nacht nach Zeus zu Alkmene heimgekehrt, hatte ihr „verziehen“ und es entstand Iphikles, der Zwillingsbruder des Herakles). Eileithya hatte den Auftrag als „Herrin der Wehen“ die Entbindung Alkmenens hinauszögern. Das war für sie nicht schwierig: Sie setzte sich auf die Türschwelle, kreuzte Beine und Finger und die Geburt des Herakles war gestoppt!

Türschwellen
in Lato
mit Opferschalen:
Bittend für ihre Hilfe beim Durchschreiten
der Türe „Geburt“ und
der Türe „Tod“
wurde der Eileithyia
auch auf Türschwellen geopfert.

Hera eilte inzwischen nach Tyrins und „leitete“ hier die Geburt des Siebenmonatkindes Eurystheus ein und er erblickte an diesem Tag das Licht der Welt, während Herakles erst einige Tage später das Dunkel verlassen konnte. Und das auch nur durch die Bauernschläue der Galanthis, der Freundin von Alkmene, die trotz der anwesenden feindlich gesonnenen Geburtsgöttin Eileithyia bei ihr blieb. Mit ihrem Ruf „Das Kind ist da!“ blöffte sie Eileithyia. Diese sprang auf, entkreuzte dabei Beine und Finger und - augenblicklich – aber für den von Zeus verkündeten Herrschaftsanspruch zu spät - konnte Herakles geboren werden!

Erystheus, der durch Heras und Eileithyias Gunst zur rechten Zeit geboren wurde, erhielt den Thron von Mykene, wurde Herrscher von Argos, Herakles musste ihm untertan sein. So groß war die Macht der Geburtsgöttinnen!

Alkmenes tapfere Freundin Galanthis wurde übrigens von Hera in ein Wiesel verwandelt, dem Herakles-Baby schickte sie zwei Giftschlangen, um es zu töten. Herakles aber erwürgte die Schlangen und begann unter der Obhut Amphitryons seine Laufbahn als stärkster, berühmtester aber auch tragischer Held der griechischen Mythologie, der während seines Feuertodes von seiner Beschützerin Athene in den Götterhimmel erhoben wurde.

  • Von Hesiod und Homer erfuhren wir also: Eileithyia ist die Tochter von Zeus und Hera und eine mächtige Geburtsgöttin.
  • Nun ist es so, dass die Eileithyia-Höhle bei Amnissos erst 1880 wieder entdeckt und in den anschließenden Jahren von dem Archäologen J. Chatzidákis ausgegraben wurde. Dabei fand man sowohl weibliche Idole in Gebärstellung, beim Stillen, beim mütterlich schützenden Tragen eines Kindes (Kourotrophos) und in Gebetshaltung als auch Scherben, Werkzeuge und Tieridole aus dem Neolithikum, genauer aus der Zeit der Neolithischen Revolution (5700 v.Ch.), also lange vor der griechischen Klassik, lange bevor die Menschen von Zeus ahnten.


Durch die Entwicklung von Ackerbau und Tierzucht kam der Idee der Fruchtbarkeit eine noch größere Bedeutung zu als zur Zeit der Jäger und Sammler. Ein Zusammenhang zwischen Säen – Reifen – Ernten und Geburt – Leben – Tod, Jahreszeiten, Monderscheinungen wurde erkannt und im Kult durch weibliche Gottheiten, die diese Aspekte verkörpern, gefeiert. Dazu zählt Eileithyia, die nicht nur auf Kreta (Amnissos, Lato, Eleutherna, Inatos …), sondern auch auf dem griechischem Festland (Aigion, Delphi, Olympia, Hermiones, Tenea, Epidauros, Athen) und im gesamten Mittelmeerraum, wo Griechen siedelten, verehrt wurde.

  • Der Kult der „muttersorgenden Eileithyia“ (Pindar) blieb über Jahrtausende bis in das 5. nachchristliche Jahrhundert namentlich bestehen, wie man u.a. den Weihe-Inschriften der alt-griechischen Gedichtsammlung Anthologia Palatina entnehmen kann. Er lebte auch im griechischen Persephone- und Artemiskult, im römischen Juno- und Lucina (=„die ans Licht Fördernde“)-Kult.


Diese griechischen und römischen Göttinnen werden mit dem gleichen Attribut wie die Eileithyia dargestellt, nämlich mit der Fackel, die das Licht bringt, die den Weg zeigt, die hilft, das Licht der Welt zu erblicken.
Der altgriechische Bildhauer Damophon lässt im Tempel zu Aigion (der Eileithyia-Höhle ähnliche Lage des Ortes, aber an der Nordküste der Peloponnes) seine Eileithyia allerdings in jeder Hand eine Fackel tragen: eine Fackel als Hilfe bei der Geburt, die andere als Hilfe beim Tod, der als Geburt in ein unbekanntes Leben gesehen wird?

  • Die Eileithyia verkörpert eine so urmenschliche Sehnsucht nach Hilfe zu einer und bei einer Mutterschaft (Vaterschaft, wenn sie nicht im ausschließlich patriachalischen Sinn gemeint ist), Hilfe bei der Entbindung, auch Hilfe und Wissen beim Sterben, dass ich mir überlegt habe, durch wen diese Sehnsucht bei uns jetzt in Europa verkörpert wird und ich denke, es ist Maria, die heilige Mutter von Jesus, deren Bedeutung in der Bibel ja eigentlich nur auf ein paar Zeilen beschränkt ist, die nicht Göttin genannt werden darf, deren Bild aber die meisten Altäre ziert.
  • Nun vielleicht ist der Mythos um die Geburt des Herakles auch eine Geschichte über den Kampf um die spirituelle Macht zwischen Zeus, dem Angreifer und Hera, der Verteidigerin ihrer spirituellen Stellung (die seit der Neolithischen Revolution die Frau inne hatte), wobei Hera durch seine Zeugungspolitik und ihre patriachalische Treue unterlag: Ihre Heiligtümer in Argos und Olympia wurden in der Folge von ihm bombastisch in Besitz genommen … und Eileithyia?

Zeus war ja auch einmal ein Gebärender: Er verschlang Metis, seine erste „Geliebte“ (Hesiod nannte Metis in seiner Theogonie im Vers 827 „ weise wie keiner der Götter und sterblichen Menschen“), als sie von ihm mit einem Sohn und einer Tochter schwanger war. So, nahm er an, habe er auch das Frauenwissen intus, könne sich „Gott des guten Rates“ nennen und die beiden Kinder, von denen ein Orakel nichts Gutes verkündet hatte (die Tochter sei ihm gleichrangig, der Sohn werde ihn entthronen), seien erledigt. Aber die Tochter ließ sich nicht erledigen, nicht verdrängen, bereitete ihm solche Kopfschmerzen, dass er Hephaistos bat, er möge seinen Kopf mit einem Beil öffnen und Eileithyia möge ihm beistehen, am besten gleich in doppelter Ausführung, wie auf antiken Vasen zu sehen ist – seine Bitten wurden erfüllt und aus dem edlen Kopfe sprang - Athene, … der Sohn hat sich bis jetzt nicht gemeldet. -
Jedenfalls hatte Zeus mit 1 Kopfgeburt genug, Eileithyia hatte ihre Sache gut gemacht und darf weiterhin, solange sie in ihrer helfenden Rolle bleibt, in einem von ihm ihr angemessenen Umfang verehrt werden.

  • Es kribbelt und krabbelt … es liegt etwas Neues in der Luft: Meldet sich der verdrängte Zeussohn? Sind es seine Wehen? Meldet er sich und bringt langsam Freundliches, Menschenfreundliches? … Wird er ohne Angst vor Machtverlust das lebensbringende Wissen der Eileithyia als für die Menschheit überlebenswichtig schätzen? ...

Literaturliste:
P. Faure, Kreta - Das Leben im Reich des Minos, Stuttgart 1983.
http://www.unet.univie.ac.at/~a9725261/geburt.htm
http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=105428
http://www.sagen.at/texte/sagen/sagen_klassisches_altertum/sagen_klassisches_altertum.htm
http://www.geschichtsverein-deggendorf.de/docs/gbl_08/gbl_08_051_096_medizingeschichte_geiersberg.pdf
http://www.philhist.uni-augsburg.de/lehrstuehle/geschichte/alte/Materialien/d_GK_GrieGesch_SS06.pdf
http://www.wissen.de
http://www.hoehlenaufkreta.snn.gr/
http://www.pantheon.org/articles/e/eileithyia.html